gestern ist, wenn …

04:52 – Sonnenaufgang. Der Himmel wabert friedlich bewölkt lang hin. Ich hocke in meinem gestreiften Schlafanzug in meinem karierten Käfig und arbeite schon hart an meiner Wahrnehmung. Vergitterte Zeit. Heut ist der längste Tag des Jahres – Mittsommer. Das Geflecht um mich herum dehnt sich etwas, bleibt aber im Rahmen. Es ist nicht meine Zeit – noch nicht – könnte ich sagen, sagt man ja gerne, doch inzwischen, nachdem ich das Netz ausgiebig beobachtet und sogar durchschaut zu haben glaube, lass ich das noch und sage lieber, ist sie nie gewesen und wird sie auch nicht mehr. Entweder der Erfinder dieses Zeitkokons hat sich in seinem eigenen Zwirn verstrickt oder ich habe eine andere Fadenstärke. Jedenfalls ist meine Zeitrechnung ein andere. Gestern z.B. ist für dich schon ein paar Wochen her, wenn ich mal das allen verständliche Zeitvokabular zur Erklärung heranziehen darf. Wie sonst ist es möglich, dass der Abend für dich schon Tage zurückliegt, sich für mich aber eben erst legt. Wenn wir uns heute wieder finden, habe ich dich noch nicht gesucht, du mich aber schon als vermisst gemeldet. Ich bin heute morgen frisch gehäutet und das könnte mit ziemlicher Genauigkeit gedauert haben oder gestern gewesen sein. Aller Morgana gleich, sitze ich umwölkt fest. Das Gitter gaukelt mir das vor und je länger ich darauf schaue, desto unsicherer wird der Grund. Innerhalb des Rasters ist die Relativität fassbar, von außen scheint die andere Halbzeit durch, die das ganze flüssig zu machen verspricht. Der Spagat einer Schere. Könnte ich nur … doch ich und du sind getrennt durch eine nächtliche Traumlandung. Erst gegen Abend wird das Netz zwischen uns sich allmählich auflösen. Ich bin optimistisch, an einem langen Tag wie heute ist Durchschaubarkeit möglich, und schon ertappe ich mich bei dem Gedanken: „… wenn das ein Traum ist, kann ich auch fliegen.“