Laudatio

Lau ist der Abend und laut. The Sound of Silence schallt annähernd ungefiltert durch meine Hibiskenwand. Mein Nachbar hat eine Vorliebe für dieses Stück Musik. Ich auch. Aber Silence wäre mir manchmal vorlieber. Heute Abend stellt meine Hecke mich einmal mehr bloß. Ihr Blattwerk hat im Fall der Fälle die Option sich durchlässig zu schalten. Manchmal allerdings verschluckt es auch Geräusche – wenn es sie mag. The Sound of Silence erscheint mir auch etwas gedämpfter als das Gegacker der eingeladenen Hühner. Bei fiesem Rasenmäher- oder Heckenschersound lassen mich meine Blätter sehr gern zu 100 % teilhaben. Beinahe schon eine Anklage. Auch scheinen diese Geräte nur in Reihe geschaltet zu funktionieren. Parallel hätte den Vorteil, dass es nur zu einem kurzen Pegelanstieg käme und die Belästigung sich im Rahmen hielte. Das könnte sich doch regeln lassen. Eigentlich dürfte sich das sogar selbst regulieren wenn ich unterstelle, dass Menschen wie du und ich sind. Tut es aber nicht. „Vorleben“ sagt Oma immer. Nicht die, die sie schon als Grand Dame am Trapez oder als Häsin von Dürrer verlebt hat, sondern „vorleben“. Zu Omas Zeiten war das vielleichter weil man sich da noch ansah. Heute sehen wir davon ab. Blickkontakt ist zu einem kurzen Spielball zwischen Display und Glotze mutiert. Warum ich denn den Rasen mit der Schere schneiden würde? Ich nehme an und spiele zurück. Die Antwort inspiriert den Nachbarn dazu, das Auto vor meiner Hecke auszusaugen, die Geranien zu fönen, den Kantstein zu sandstrahlen oder anderen Lärm mit technischen Schnickschnackgeräten zu erzeugen. Schallflegel. Der Ball bleibt auf seiner Seite. Vorleben – Omi – das wird kein Nachspiel haben. Den nächsten Blick werfe ich auf meine Hecke. Vielleicht ist sie der intelligentere Ansprechpartner. Wie schnippse ich ihr die Kirsche schmerzfrei zu? Von chemischer Keule, könnte ich ihr subtil zuflüstern, halte ich nichts. Mal sehen, wie sie reagiert. Sachte, meine Liebe … ich werde sie einfach ansehen, Zeit mit ihr verbringen … sie ein wenig Läusen … Ein Experiment was sich lohnen könnte. Wenn das funktioniert, meditiere ich als nächstes über Nachbars Rasen. Es ist mir eh rätselhaft, warum es noch keinen wie auch immer gezüchteten kurzwachsenden Rasen gibt. Bonsairasen. Was wäre es lau ….