Grauwahl

Ich gehe mit meinem grauen Rolli vor die Tür, der Himmel ist grau ebenso wie die Katze der Nachbarin und diese selbst aber nicht ganz so grau wie das Gras von gegenüber – grau ist gut. Sogar im November. Schade, dass dieser Grauschleier nicht alltagstauglich ist. Abgesehen von Halloween ist er jedenfalls nicht tragbar. Und zudem fehlen Kontrast und Tiefenschärfe. Ich gehe wieder rein und rolle ab. Aua … das ist mir hier wirklich zu bunt. Ich liebe Farben, aber manchmal sehne ich mich nach so etwas wie Veredelung der Realität. So etwas wie Graupause. Grauer Faden, graue Welle, graue Elise – grau in allen Stufen. Vielleicht ist es ja auch meine DDR-Vergangenheit, die mich über das Leben in Farbe grübeln lässt. Abgefärbt hat die jedenfalls nicht. Aber möglicherweise hatte ich ’89 eine Art Farbkollaps. Ich erinnere mich sogar genau an den Augenblick des Kollabierens. Aufsteigendes Grausen und das dringende Bedürfnis nach der Dunkelkammer meines Vaters. Alles schön schwarz-weiß. Überbelichtet, unterentwickelt – am Ende zeigte es sich immer feinkörniger als die Wirklichkeit. Dank moderner Technik ist Entfärbung heute schon beinahe erlebbar. Zumindest im Bereich von Bildbearbeitung und Textilwäsche. Allerdings nur Second Hand und auch nicht 360Grad. Es ist einfach nie dieser Moment in grau sondern immer schon ein vergangener. Das jeder Moment schon nicht mehr aktuell ist, wenn er meine lange Leitung passiert hat und in der Empfangshalle angekommen ist, lass ich mir geschickt vorgaukeln. „Beinahe live“ wäre fürs erste in Ordnung. Ich kann mir ja nun schlecht eine Kamera mit sw-Display vors Auge knoten oder meinen Farbrezeptoren die Mittel streichen … eine einfache sw-Brille wäre mir das liebste. Gibt’s aber nicht. Ich binde mir einen Dederonstrumpf vor die Augen. Graubünden. Funktioniert vielleicht als Keilriemenersatz aber ich schau lieber nochmal und gehe mit meinem grauen Lolli vor die Tür. Die graue Sonne geht eben in einem grauen Streifen am Horizont unter – die Augen der Nachbarskinder zeigen mir deutlich, daß er wenigstens rosa wenn nicht sogar pink ist. Sie sagen mir auch, daß ich eine Vogel habe. Ich nehme den Strumpf von den Augen. Eine einfache sw-Brille wär mir lieb – eine, die ich beim Essen und zum Morgengrauen einfach absetzen kann.