Bitte um Aufschub

Es ist doch Sonntag – schon mein erster Gedanke hat einen verschobenen Beigeschmack. Eine Analyse der Helligkeitswerte lässt mich den Morgen als „noch früh“ einstufen. Vorm Haus ist die Hölle los. Meine Ohren zählen 3 Schneeschieber und 5 Stimmen. „Die Vögel sind noch still – sehr früh“ also. Das Geschehen dauert. Mein Leib nimmt eine Wendung und rückt vom Erheben ab. Noch nicht. Als schlaftrunkene Summe ergibt sich mir in meiner Vorstellung ein Bild. Heftiges Schneetreiben über Nacht, 40 cm Neuschnee. Die Nachbarn in Panik und mit Stirnlampe. Großes Palaver darüber, wohin damit. In Randzonen verschieben oder gleich ganz über den Gartenzaun? Es schiebt sich leichter, wenn der Schnee noch frisch ist, sagt mein Vater. Damit entschuldige ich die frühe Lärmbelästigung. Zweiter Anlauf. Mein Körper rollt sich aus seiner Schlafmulde. Augenreiben am Fenster. Ich erinnere mich. Wir hatten einen Traum. Erwartungshaltung: hoch. Enttäuschung: hoch. Nachträgliche Entrüstung: außerordentlich. Es liegt ein Hauch von Schnee. Niedergeschlagen denke ich an Schiebung? Was sind wir Menschen seltsam. Was bewegt uns sonntagsmorgens um 6 aus dem Bett auf die Straße? Ein klitzekleiner Anlass? Revolutionen haben so begonnen. Die deutsche Gesetzlage? Bis 8 hat alles rein zu sein. Oder habe ich als einziger in dieser Straße noch einen Sinn für Schneealtät? Für die feinen kleinen zarten einzigartigen Kristalle? Jede Flocke ein Einzelstück. Sie alle über einen Haufen zu kehren, bevor ich noch Zeit für eine Schätzung hatte – sehr schade. Was mich wirklich überrascht, ist die Dynamik der Masse. Da wird aus einer Schneeflocke schnell eine ganze Lawine. Und auch überraschend: wie schnell man aufgrund von Andersfarbigkeit in die Gefahr einer Abschiebung kommen kann, obwohl man weiß ist und in der Überzahl. Gründlichkeit ist hier wohl kein Grund. Es liegt ja gar kein Schnee. Der einzelne hätte das wohl bemerkt. Ich entscheide mich lieber für eine weiße Weste und streue ein.