Rahmenabkommen

Das Blattwerk wiegt sich leicht. Unbeschwert und -befleckt harrt es meiner Stimmung. Die Saiten vertrauen bedingungslos meinem Anschlag. Ein feiner Bass schwingt sich in die Stille. Was’n das hier für’n Krach? Bandprobe! Fällt dir nichts Besseres ein? Nein, leider. Es gibt nichts, was es nicht schon gibt. Jede Melodie, jede Tonfolge, jede Buchstabenreihe wurde schon … eine neue zu finden ist wie die Suche nach der blauen Blume. Schockiert dich das? Das nicht, nur deine Resignation. Ich weiß, wovon ich rede, schon die Hilfslinien zerreißen mir das Blatt. Auch ohne Benotung ist der Schnitt versaut. Und ohne die geht‘s nicht? Ich muss ja einen Rahmen vorgeben. Das klingt irgendwie fettig. Schmiererei – mehr wird das nicht. Ja ja, es versteht aber niemand, wenn ich nicht im Rahmen bleibe. Dann tanz doch erstmal nur aus der Reihe. Das lockert. Warum muss es denn überhaupt verstanden werden? Ich versteh die Vögel ja auch nicht und es gefällt mir trotzdem oder vielleicht sogar eben deshalb. So ein Amsel‘n-Kiefer-Triller … hach ja, aber selbst der hat seine Bilder gerahmt zum besseren Verständnis. Aber erst nachher. Also das Thema, meinst du, darf kein Motiv sein. Es darf sogar weder noch sein. Vorher. Ich glaube, das ist nicht erlaubt. In dieser Welt nicht, da muss man gewusst haben was man tut und das weiß man also tut man so. Picasso hat also ohne Hilfslinien … ? … und das hat erstmal auch niemand verstanden. Damals war es auch einfacher. Da gab es noch nichts was noch nicht gab. Und in der Musik – heutzutage – gibt es noch weniger. Weniger als nichts? Damit kann man doch arbeiten. Das kann sich doch hören lassen. Reich mir mal bitte das lose Blattwerk. Warte mal, da fällt mir was besseres ein. Ich habe hier kürzlich etwas ins nirgendwo notiert. Da, horche! Reine Stille klingt jedes Mal neu.